„Macht kaputt was Euch kaputt macht“ - Die wilden 1970er Jahre in Rüsselsheim

Bunt und grau, rot und schwarz, liberal und repressiv - im Rückblick erscheinen die 1970er als ein Jahrzehnt der Widersprüche. Arbeitskämpfe und Protestbewegungen gehören zum politischen Alltag. Arbeiter*innen streiken für Lohnerhöhungen, Jugendliche verlangen Freiräume, Bürgerinitiativen fordern Mitbestimmung ein. Und die rebellischen Lehrlinge im Opelwerk pfeifen an der Stechuhr den Refrain von „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, dem Lieblingssong von „Ton, Steine, Scherben“.

Aufbruchsstimmung und Resignation wechseln einander auch in der noch immer wachsenden Industriestadt Rüsselsheim ab. Vor dem Hintergrund der Ölpreiskrise erhält die Planung­seuphorie einen Dämpfer. Die Veranstaltungsreihe von Stadtarchiv und Stadt- und Industriemuseum geht den Spuren der Konflikte und Krisen nach, die den gesellschaftlichen Umbruch in Rüsselsheim begleiteten.   


Die Vorträge finden jeweils im Veranstaltungsraum des Stadt- und Industriemuseums statt.

Der Eintritt ist frei.

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Filmvorführung

Di, 28. September / 19 Uhr


Luft zum Atmen – 40 Jahre Opposition bei Opel in Bochum

Der Dokumentarfilm Luft zum Atmen erzählt die Geschichte der Arbeiter, die seit den 1970er Jahren als Gruppe oppositioneller Gewerkschafter (GoG) Betriebsarbeit im Opel-Werk Bochum leisteten. Die Kollegen berichten über ihren Einsatz gegen Schikane von  kranken Arbeitern und Kündigungen, über die Organisation von Bildungsurlauben und den Versuch, direkte Solidarität mit den Belegschaften anderer Werke herzustellen. Ihre Aktivitäten kulminierten schließlich im wichtigsten Wilden Streik der deutschen Nachkriegsgeschichte, als die Belegschaft im Oktober 2004 sechs Tage lang das Werk besetzte und die Produktion in ganz Europa lahmlegte. Der Film zeigt die Erfolge und Grenzen einer unbeirrten Betriebspolitik von unten. Im Anschluss wird die Regisseurin Johanna Schellhagen zur Diskussion zur Verfügung stehen.

(D 2019, 70 min, Regie: Johanna Schellhagen/labournet.tv)


Vortrag

Do, 4. November / 19 Uhr


Stadtarchiv, Walter Keber

Stadtarchiv, Walter Keber

„Wir bauen ein Gegenmanagement auf…“ Die Rüsselsheimer Opel-Belegschaft und ihre Interessenvertretung in den 1970er und -80er Jahren

Der Name Richard Heller steht bis heute für eine Ära innovativer Betriebsratsarbeit bei Opel Rüsselsheim. 1975 hatte er mit einer neuen Generation zuvor oppositioneller Gewerkschaftsvertreter die Wahlen zur Personalvertretung gewonnen. Ihr konfliktorientiertes Konzept zielte darauf, die Arbeitsplätze zu sichern: Das bis dahin zwei Jahrzehnte lang erfolgreiche Modell sozialpartnerschaftlicher Mitbestimmung hatte an Boden verloren, als die Rezession 1966/67 und die Ölkrise 1973 Massenentlassungen nach sich zogen. Der Historiker Rainer Fattmann zeichnet die Geschichte dieses an den Bedürfnissen der Mitarbeiter orientierten Betriebsrats nach, der es erstmals wagte, auch Fragen des Umweltschutzes und der gesellschaftlichen Folgekosten der Automobil­nutzung zu thematisieren.

Rainer Fattmann publiziert zur Geschichte der industriellen Beziehungen und zur internationalen Gewerkschaftsgeschichte.


Vortrag

Do, 18. November / 19 Uhr


Stadtarchiv, Walter Keber

„Wir glauben nicht, dass der Markt der Zukunft dem Mini gehören wird“. Opel zwischen Ölpreiskrise und Strukturwandel

Opel in Rüsselsheim sah sich wie alle westdeutschen Automobilhersteller in den 1970er Jahren mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Die Automobil-Nachfrage wandelte sich grundlegend und langsam begann sich ein öffentliches Bewusstsein für die vielfältigen Probleme des Autos, etwa die Umweltzerstörung, herauszubilden. Gleichzeitig endete das „Wirtschaftswunder“ und die Erfolgsrezepte der Autobauer standen zur Disposition. In der ersten Ölpreiskrise 1973/75 verdichtete sich diese neue Lage auch in Rüsselsheim auf dramatische Weise. In seinem Vortrag schildert Flemming Falz diese krisenhafte Entwicklung und erklärt die modell- und produktionspolitischen Strategien, mit denen die Unternehmensführung von Opel reagierte.

Flemming Falz hat an der Universität Jena Geschichte und Politik des 20. Jahrhunderts studiert und seine Abschlussarbeit über die öffentliche Forschungsförderung der westdeutschen Automobilindustrie in den 1970er Jahren geschrieben.


Vortrag

Do, 2. Dezember / 19 Uhr


Stadtarchiv, Walter Keber

„Wir sind alle Fremdarbeiter!“ – Migration und soziale Bewegung im Westdeutschland der 1960er und 1970er Jahre

Migration und Soziale Bewegungen prägten die Gesellschaft der Bundesrepublik in den 1960er und 1970er Jahre wie kaum ein anderes Phänomen. Dennoch werden diese beiden Konstanten des sozialen Wandels meist getrennt betrachtet. Wie haben sich Gewerkschaften und die sogenannten Achtundsechziger mit der Zuwanderung von Millionen von Arbeiter*innen auseinandergesetzt? Und wie haben Migrant*innen Einfluss auf die sozialen Bewegungen der Bundesrepublik genommen? Der multimediale Vortrag geht auf verschiedene wilde Streiks sowie betriebliche und außerbetriebliche Protestformen ein und verdeutlicht wie entscheidend Migration und der gesellschaftliche Wandel der 1970er Jahre zusammenhängen.

Simon Goeke ist Mitarbeiter des Münchner Stadtmuseums und forscht zu migrantischen Kämpfen in und außerhalb der Arbeitswelt


Vortrag

Do, 9. Dezember / 19 Uhr


Stadtarchiv, Walter Keber

„Man muß den Kampf in der Fabrik in den weltweiten Kampf gegen das Kapital einordnen“. Soziale Kämpfe im städtischen Raum der 1970er Jahre

Wilde Streiks, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, Versammlungen gegen den Militärputsch in Chile, Bürgerinitiativen in Neubaugebieten und Proteste gegen die Wohnsituation ausländischer Arbeiter/innen in den Werkswohnheimen – das sind nur einige Konflikte, die zu Beginn der 1970er Jahre auch in Rüsselsheim im Betrieb und auf der Straße verhandelt wurden. Zum Ende der Dekade hin bewegten Asylpolitik und der Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens die Bürgerinnen und Bürger. Die Historikerin Freia Anders unternimmt einen Streifzug durch die Protestgeschichte.

Freia Anders arbeitet an der JGU Mainz und forscht zur Geschichte sozialer Bewegungen.